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Jugendzentren als Orte der Inklusion – ausgewählte Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung

Beitrag im "info 1-14" von Dr. Mike Seckinger, Leiter der Fachgruppe Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut e.V. in München.

Die Diskussion über Kinder mit Beeinträchtigungen in Deutschland ist dominiert von der Debatte über Inklusion in Schule. Die Bedeutung von Freizeit gerade im Jugendalter wird in dieser Diskussion ausgeblendet, obwohl eine Inklusion in nur einem Lebensbereich, sicherlich nicht ausreicht, um das Ziel einer inklusiven Gesellschaft zu erreichen. Dennoch werden seit geraumer Zeit immer wieder Signale gesetzt, die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen in der Jugendarbeit voranzubringen. Im Kinder- und Jugendplan des Bundes aus dem Jahr 2000 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Belange von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der Jugendarbeit berücksichtigt werden sollen (vgl. Loeken/Windisch 2005, S. 40). Artikel 9 und Artikel 30 UN-BRK erfordern mehr Aktivitäten der (offenen) Jugendarbeit. Es werden Arbeitshilfen erstellt (z.B. Freund 2004) und einige Jugendzentren haben Schwerpunktsetzungen zur Integration von jungen Menschen mit Behinderung vorgenommen, insbesondere durch spezialisierte Angebote. Diese Form der Integrationsförderung ist zwar ein wichtiges Angebot für die Kinder bzw. Jugendlichen mit Beeinträchtigungen, aber sie trägt nicht oder nur wenig zur Inklusion bei, weil die NutzerInnen mit Beeinträchtigungen wieder überwiegend nur „Spezialangebote“ des Jugendzentrums in Anspruch nehmen. Ein umfassendes Verständnis von Inklusion, wie es beispielsweise im „Index für Inklusion - Lernen und Teilhabe in Schulen der Vielfalt entwickeln“ formuliert ist (Boban/Hinz 2003, S. 11), muss in der Jugendarbeit erst noch entwickelt werden. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der umfassenden und bundesweiten Befragung von Jugendzentren im Jahr 2011 durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) auch das Thema Inklusion aufgegriffen (vgl. www.dji.de/jhsw). Insgesamt haben bundesweit 1115 Einrichtungen daran teilgenommen.

Kinder und Jugendliche mit Behinderungen als NutzerInnen

58 % der Jugendzentren werden auch von Kindern und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung besucht. Besonders hoch ist der Anteil der Jugendzentren von BesucherInnen mit Beeinträchtigungen in den Agglomerationsräumen und besonders niedrig in den verstädterten Räumen mittlerer Dichte ohne große Oberzentren (hier findet sich die Definition der Regionstypen www.bbsr.bund.de [Direktlink]), dies spiegelt sich auch in dem signifikanten Unterschied zwischen Jugendzentren in kreisfreien Städten und in Landkreisen (68 % zu 50 %) wider. Neben den auffälligen regionalen Unterschieden hinsichtlich der Anteile der Jugendzentren, die von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung genutzt werden, gibt es einen ausgeprägten Zusammenhang mit dem Vorhandensein von hauptamtlichem Personal im Jugendzentrum. Denn gibt es Personal, so ist der Anteil an Jugendzentren signifikant höher, der von BesucherInnen mit Behinderung genutzt wird (61 % zu 21%).
Im Median (statistische Maßzahl, die eine Häufigkeitsverteilung in ihre Hälften teilt) wird eine Einrichtung der offenen Jugendarbeit von sieben und im Durchschnitt von 12,7 Kinder mit einer Behinderung besucht (n=432). Bei 78 % hat sich der Anteil an BesucherInnen mit einer Behinderung im letzten Jahr nicht verändert. Einrichtungen, die sich nur an unter 14-Jährige wenden, haben signifikant häufiger eine Vergrößerung des Anteils im letzten Jahr beobachtet. Angebote für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen richten sich insgesamt eher an jüngere Besucher.
In der Diskussion über Inklusion wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es für unterschiedliche Formen der Beeinträchtigung unterschiedlich einfach ist, Inklusion zu erreichen. Vor diesem Hintergrund wurde danach gefragt, mit welcher Beeinträchtigung die Kinder und Jugendlichen leben müssen, die als von Behinderungen betroffen eingestuft wurden. Zur Einordnung dieser Ergebnisse muss man bedenken, dass die MitarbeiterInnen um Jugendzentrum keine Differentialdiagnostik betreiben, sondern ihren persönlichen Eindruck wiedergeben. Nichtsdestotrotz ist diese Etikettierung wirksam. Am häufigsten ist eine Lernbehinderung anzutreffen, 47 % der Einrichtungen geben an, von Kindern bzw. Jugendlichen mit einer Lernbehinderung besucht zu werden. Auch wenn keine Vergleichsdaten vorliegen, kann ein Zusammenhang mit dem Ausbau schulnaher Angebote und der Präsenz von Kindern/Jugendlichen mit einer Lernbehinderung in den Jugendzentren vermutet werden. Berechnet man den Anteil der Jugendzentren, die von Besuchern mit Behinderung, aber ohne Lernbehinderung genutzt werden, so reduziert sich der Anteil der Jugendzentren, die von Kindern/Jugendlichen mit einer Behinderung besucht werden, um 10 Prozentpunkte auf 48 %.

Tabelle 1, die Inhalte sind im Text beschrieben

Tabelle 1 ist zu entnehmen, dass Jugendzentren mit hauptamtlichem Personal häufiger von Besuchern mit einer Behinderung – dies gilt für alle Behinderungsformen – genutzt werden. Ein Vergleich mit den wenigen Daten zur Verbreitung von unterschiedlichen Beeinträchtigungsformen zeigt, dass die einzelnen Beeinträchtigungen in den Jugendzentren in einem ähnlichen Zahlenverhältnis anzutreffen sind, wie bei der von der Kultusministerkonferenz vorgelegten Statistik zur sonderpädagogischen Förderung an Schulen (vgl. BMAS 2009, S. 35). Auffällig ist der etwas erhöhte Anteil an BesucherInnen mit einer Lernbehinderung in Jugendzentren (51 % zu 46 % Schulen) und der geringere Anteil bei BesucherInnen mit einer seelischen Behinderung (8 % zu 10 %).

Form der Beeinträchtigung und damit verbundene Inklusionserwartungen

Es ist anzunehmen, dass eine Einrichtung dem Thema Inklusion umso offener gegenübertritt, je mehr die Verantwortlichen daran glauben, dass Inklusion gelingen kann. Die Jugendzentren sollten deshalb darüber Auskunft geben, für wie schwierig sie die Inklusion der BesucherInnen mit den jeweiligen Behinderungen einschätzen. Es haben jeweils nur diejenigen geantwortet, die auch von Jugendlichen mit entsprechenden Beeinträchtigungen besucht wurden. Sie verfügen also über konkrete Erfahrungen und werden deshalb kaum mehr eine völlig ablehnende Haltung hinsichtlich der Inklusionsmöglichkeiten einnehmen. Die in Abb. 1 dargestellten Ergebnisse spiegeln deshalb nicht ganz die Vorbehalte in der offenen Jugendarbeit wider.

Abbildung 1, die Inhalte sind im Text beschrieben

Lernbehinderung, Körperbehinderung und Sinnesbehinderungen sind für mehr als die Hälfte der Einrichtungen, die hierzu Erfahrungen gemacht hat, keine besondere Inklusionsherausforderung. Bei seelischer Behinderung wird im Vergleich zu den anderen Behinderungsarten eine Inklusion sehr viel häufiger als schwierig angesehen (76 %). Dieser besonders große Anteil an skeptischen Einschätzungen entspricht den Vorbehalten, die Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen entgegengebracht werden. Allerdings ist die Gruppe von Jugendzentren, die keine Möglichkeit für eine Inklusion von Kindern bzw. Jugendlichen mit einer geistiger Beeinträchtigung oder Mehrfachbeeinträchtigungen sieht größer als bei seelischen Behinderungen.

Baulich-architektonische Barrierefreiheit und Erreichbarkeit des Jugendzentrums

Eine etwas andere Art von Barriere stellen die baulichen Gegebenheiten des Gebäudes dar. 29 % der Jugendzentren sind vollständig und 40 % für einen Teil der Räume barrierefrei. In Landkreisen ist der Anteil an Jugendzentren signifikant niedriger, die von sich selbst sagen, dass sie barrierefrei sind. Die bauliche Barrierefreiheit erhöht, so ein weiteres Ergebnis der Studie, tatsächlich die Wahrscheinlichkeit für eine verstärkte Nutzung der Einrichtung durch BesucherInnen mit einer Beeinträchtigung, auch über die verschiedenen Behinderungsformen hinweg. Barrierefreiheit kommt somit nicht nur denjenigen mit einer Körperbehinderung zugute. Sie scheint eine gewisse Signalfunktion zu haben, die sich ungefähr so beschreiben lässt: Hier sind Menschen mit Behinderung willkommen.
Auch die Erreichbarkeit des Jugendzentrums mit öffentlichen Verkehrsmitteln stellt einen Beitrag zur Barrierefreiheit dar. Insbesondere für Jugendliche mit einer Beeinträchtigung erhöht ein Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr deren Möglichkeiten ohne Eltern aktiv zu sein. Dies gelingt umso selbstbestimmter, je besser auch die Wege zum Jugendzentrum von ihnen allein oder mit Hilfe Gleichaltriger bewältigbar sind. Knapp über die Hälfte der Jugendzentren beschreibt ihr Haus als mit öffentlichen Verkehrsmittel auch für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigung gut erreichbar (54 %).

Von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung besonders häufig genutzte Angebote

Die Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung ist nur ein erster Schritt zur Inklusion. Denn es gibt eine ganze Reihe von Beispielen, die verdeutlichen, dass die Kinder und Jugendlichen mit Beeinträchtigung im Jugendzentrum mehr oder weniger unter sich bleiben. Es gibt einmal im Monat eine „Rolli-Disko“, einen extra Nachmittag, spezifische Förderangebote oder besondere Ferienfahrten. Dies reicht nicht aus, um eine wirkliche Inklusion zu erreichen. Zugegebenermaßen kann es sich dabei aber auch um ein Herantasten an die Anforderungen an ein inklusives Angebot handeln. Die Jugendzentren wurden danach gefragt, welche Angebote die Kinder und Jugendlichen mit Beeinträchtigung am häufigsten nutzen. Die zwei wichtigsten Angebotsformen, die auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung in den Jugendzentren nutzen, sind der offene Betrieb/Café und Fahrten/Freizeiten/Ausflüge. Dies spricht für eine Tendenz hin zu Integration und möglicherweise auch Inklusion. Angesichts der fehlenden Fachdiskussion innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit ein erstaunliches Ergebnis. Aber sobald eine speziell für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen qualifizierte Fachkraft vorhanden ist, sinkt der Anteil der Jugendzentren, bei denen diese Gruppe von BesucherInnen den offenen Betrieb für sich nutzt. Und der Anteil, in denen die Kinder und Jugendlichen mit Beeinträchtigung eine spezielle Förderung erfahren, steigt tendenziell an.

Tabelle 2, die Inhalte sind im Text beschrieben

Angebote, die von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung nicht genutzt werden können

Um einen besseren Eindruck über das Ausmaß an Inklusion zu erhalten, wurde auch danach gefragt, ob es Angebote des Jugendzentrums gibt, die von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung nicht genutzt werden können. In einem Drittel der Jugendzentren gibt es solche Angebote. Diese Einschätzung wird von allen Jugendzentren ungefähr gleich hoch vorgenommen, unabhängig davon, ob sie BesucherInnen mit einer Behinderung haben (35 %) oder nicht (33 %). Am häufigsten werden hierbei Sportangebote, Ausflüge und Fahrten genannt, sowie auf mangelnde Barrierefreiheit des Gebäudes oder Teile des Gebäudes verwiesen. Zum Teil wirken die Angaben etwas eigenwillig, da der Eindruck vermittelt wird, es würden keine vergleichbaren, aber auch für Kinder bzw. Jugendliche mit Behinderung zugängliche Angebote gesucht. Zudem wird meist auf Beschränkungen aufgrund von Körperbehinderungen hingewiesen, was wiederum den Eindruck verstärkt, dass keine systematische Auseinandersetzung mit der Frage stattgefunden hat, wie durch eine Angebotsanpassung die Inklusion Jugendlicher mit Behinderung verbessert werden könnte.

Fazit

Die Fachdiskussion und Konzeptionsentwicklung zum Thema Inklusion von Kindern und insbesondere Jugendlichen mit Beeinträchtigungen in die offene Jugendarbeit steht nach wie vor am Anfang. Trotzdem werden viele Einrichtungen der offenen Jugendarbeit auch von diesen Kindern und Jugendlichen genutzt. Es zeigt sich, dass hauptamtliche Stellen in Jugendzentren Inklusionsbestrebungen erleichtern und Kooperationen mit Einrichtungen der Behindertenhilfe zu mehr BesucherInnen mit Beeinträchtigungen führen. Eine bauliche Barrierefreiheit wirkt als ein wichtiges Signal für Offenheit gegenüber der Inklusionsaufgabe. Noch besteht ein erheblicher Entwicklungsbedarf im Hinblick auf die Angebotsplanung und die Öffnung aller Angebote für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen, denn noch immer gibt es in etlichen Jugendzentren eine Tendenz zur „Besonderung“ dieser Besuchergruppe. Sollte es der offenen Jugendarbeit gelingen, ihre positiven Ansätze, sich zu einem inklusiven Angebot zu entwickeln, erfolgreich fortzuführen, dann würde dies die Rolle der Jugendarbeit als einen wichtigen und eigenständigen Sozialisationsort speziell für das Jugendalter stärken. Zur Festigung der gesellschaftlichen Anerkennung als eigenständiger und wichtiger Bereich insgesamt wäre dies ein zentraler Beitrag.

Literatur

Boban, Ines/ Hinz, Andreas (2003): Index für Inklusion. Lernen und Teilhabe in der Schule der Vielfalt entwickeln. Universität Halle [verfügbar z.B. unter http://www.inklusionspaedagogik.de/content/view/73/58/lang,de/]

BMAS (Hrsg.) (2009): Dritter Behindertenbericht

Loeken, Hiltrud/Windisch, Matthias (2005): Junge Menschen mit Behinderung in der kommunalen Jugendbildung. Sozial Extra Vol. 30, N. 5 (2006), 40-45

Freund, Thomas (2004): Voll normal!? Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in der Jugendarbeit. Arbeitspapier des Bayerischen Jugendrings.

 



 
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