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Warum Kinder- und Jugendarbeit nicht selbstredend inklusiv ist

Fachbeitrag von Gunda Voigts, Wissenschaftlerin am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel, anlässlich der Fachveranstaltung zum 30-jährige Jubiläum des PJW im März 2013

„Herzlichen Glückwunsch an Sie alle! Ich freue mich, dass ich heute hier stehen darf und mit Ihnen jubeln und feiern kann. 30 Jahre – toll – das ist doch was!
Meine Aufgabe ist es nun leider nicht, das Glas mit Ihnen zu erheben oder eine Jubelrede zu halten. Ihr ausdrücklicher Wunsch zu diesem Geburtstag war ein Fachvortrag. Bitte schön, ich werde Ihnen diesen Wunsch gerne erfüllen. Ihre Erwartungen haben sie deutlich benannt.

Fachvortrag Gunda Voigtsf

Gunda Voigts
Foto: Mathias Kehren

Die Organisatorin dieser Party lädt ein, mailt das Programm - und da steht es: „Fachveranstaltung – Vortrag – Thema: „Warum Kinder- und Jugendarbeit nicht selbstredend inklusiv ist“.
Also, ich habe mir den Titel des Geschenkes nicht ausgedacht. Aber die Gastgeber/innen haben Rücksicht auf mich genommen, ich brenne für das Thema Inklusion. So trage ich gerne mit einigen Gedanken zum Gelingen Ihrer Geburtstagsfeier bei. Doch ehrlich, es war gar nicht so einfach dieses Mitbringsel zu basteln (denn „kreatives Basteln“, das wurde hier verlangt). Und dann auch noch ansprechend verpacken, puh… aber wirklich… ich habe mir Mühe gegeben. Und so hoffe ich nun, der Vortrag wird Ihre GEBURTSTAGS-Erwartungen erfüllen.

Los geht´s: „Warum Kinder- und Jugendarbeit nicht selbstredend inklusiv ist“

Warum ist sie es denn eigentlich nicht? – Oder: Warum sollte sie es denn sein? – Ist sie nicht doch inklusiv? Wenn vielleicht auch nicht selbstredend? – Natürlich nicht. Oder – Moment Mal, denken Sie doch an den beeindruckenden Film gerade. Die Projekte. – Doch klar, also hier im Pari, das sind wir doch schon immer „inklusiv“ – oder?
Also, warum steht das da als Wunschtitel für den Vortrag? – Ist es eine entschuldigende Feststellung des Vorstandes? Oder ein vorwurfsvoller Hinweis der Geschäftsführerin? Einfach nur eine nachdenkliche Frage? Ich weiß es nicht, kann nur mutmaßen. Selbst hätte ich wahrscheinlich eher eine positive Umschreibung gewählt, wie z.B. „Inklusiv sein – das können wir“ oder „Inklusion – wir sind auf dem Weg“. Doch: es hat wirklich seinen Reiz, sich dem Thema einmal anders zu nähern. Und dann habe ich es endlich kapiert: Ehrlich, der Titel ist klasse. Er schafft den Raum, all das Normative zur Seite zu rücken, mit dem die Debatten um Inklusion so oft verbunden sind. Eine Beschäftigung mit Inklusion weit ab vom „Sollen“ und „Müssen“. Weg von all dem Moralischen, Regulativen, Verpflichtenden – all das einfach zur Seite schieben…. UN-BRK, Rechtsverpflichtung, wichtig, ja… aber mal anders „rangehen“ ans Thema. Bitte lassen Sie sich ein, auf eine Werbeveranstaltung für Inklusion. Ich möchte Sie von dieser wunderbaren, schönen, zukunftsgerichteten „Inklusion“ überzeugen, Sie Ihnen näher bringen… Versuchen wir es, gönnen wir uns einen Werbeblock, frei nach dem Motto:

Warum Sie – ja genau Sie als Akteure der Kinder- und Jugendarbeit im PJW - Inklusion auf jeden Fall kaufen sollten…

(und das vorweg, man muss sie kaufen, es gibt sie nicht umsonst: sie kostet Zeit, Geld und manchmal auch Nerven, sie braucht engagierte vor allem von ihr begeisterte Menschen; aber das alles ist für sie ja kein Problem, das haben die letzten 30 Jahre deutlich gezeigt!!!)
Also: Kaufen Sie Inklusion…

… denn Inklusion passt so gut genau zu Ihnen!

Durch Inklusion kann endlich das passieren, was Sie schon immer predigen: Ihre Arbeit setzt an der Lebenswelt, den Interessen und Bedürfnissen Ihrer jungen Kunden und Kundinnen an. Oder sagen sie lieber Teilnehmer und Teilnehmerinnen? Mitwirkende? Sagen wir, sie setzt bei Jungen und Mädchen, jungen Männern und Frauen an. Genau das will Inklusion. Sie denkt vom Subjekt her, vom Einzelnen. Sie im PJW sind gut darin, die Kinder und Jugendlichen für und mit denen Sie sich engagieren, ganzheitlich in ihren Lebenswelten zu sehen. Sie akzeptieren die jungen Menschen, so wie sie sind. Genau das will Inklusion, deshalb sind Sie so genial anschlussfähig an dieses Konzept.
Ja, und Sie lesen doch alle die Kinder- und Jugendberichte der Bundesregierung. 14 gibt es inzwischen. Im 13., da steht er drin, der Perspektivenwechsel: Kinder und Jugendliche sind zu allererst Kinder und Jugendliche (BMFSFJ 2009). Sie sind nicht an erste Stelle „Kinder mit… oder Jugendliche mit…“ (…Migrationshintergrund, Behinderung…). Sie sind zuallererst Kinder und Jugendliche. Das wissen Sie schon lange – und gehen darauf ein. Auf dem Foto in der Power Point wird es beispielhaft deutlich: Der Junge dort, ihm ist mein Heimatstadtverein wichtig „Hannover 96“, da ist er ein Kind, ein Junge wie viele andere in seinem Alter in Hannover auch. An diesen Gemeinsamkeiten setzt Inklusion an. Das ist ein Teil des Subjektbezugs, der Lebenswelt. Liebe, Schule, Stress mit Eltern, Zukunftsängste, Hobbies das sind die Themen, die nach einer Studie der Integ-Jugend (2008) Jugendliche mit wie ohne Behinderungen gleichermaßen interessieren.
Fassen wir zusammen: Sie im PJW arbeiten subjektorientiert, lebensweltorientiert ganzheitlich. Heißt: Sie nehmen Kinder und Jugendliche als Kinder und Jugendliche ernst, genau das will Inklusion. Und deshalb passt „inklusiv sein“ hervorragend zu Ihnen. Und da komme ich gleich zum nächsten Grund, warum Sie unbedingt Inklusion kaufen sollten…

…weil Sie endlich Ihre vielen Erfahrungen mit Teilhabe, mit Partizipation unters Volk bringen können…

Ehrlich, da werden Sie gebraucht. Da haben sie eine Kompetenz, die ist klasse. Eine Schlüsselkompetenz sozusagen. Inklusion, das meint nichts anderes als: Teilhabe für Alle.
Damit wir uns nicht falsch verstehen und zu ihrer Erinnerung: Mit der Integration, da war das ja noch ein bisschen anders. Die geht von einer vermeintlichen Mehrheitsgruppe und abweichenden Minderheitengruppe aus. Und die sollen dann irgendwie zusammenkommen. Die Minderheit, die soll sich in die Mehrheit einpassen. Klappt aber nicht immer so gut. Außerdem: Was da manchmal Mehrheit und was da Minderheit ist, ist gar nicht so leicht zu erkennen. Oder könnten Sie auf diesem Foto Mehrheit und Minderheit sortieren?
Integration, schön und gut, auch wichtig – und da haben Sie auch eine Menge Erfahrungen, die können Sie einbringen. Nur Inklusion meint schon ein bisschen was anderes als Integration. Inklusion geht weiter. Inklusion meint „Offenheit für Alle“, „Teilhabe für Alle“, nicht Anpassen oder Einpassen. Und Inklusion meint wirklich Alle. Inklusion geht aus von Vielfalt, von gesammelter Einzigartigkeit, „von der Aufmerksamkeit für die Einzigartigkeit jedes Kindes sowie vom Ideal des gemeinsamen Lebens und Lernens aller Kinder mit der ganzen Bandbreite möglicher körperlicher, psychischer, sozialer und kognitiver Beschaffenheiten, einschließlich aller vorkommenden Stärken und Schwächen“ (Prengel 2010: 6f.).

Fachvortrag Gunda Voigtsf

Gunda Voigts
Foto: Mathias Kehren

Und wichtig: Bei Inklusion geht es nicht nur um Menschen mit dem Stempel Behinderung. Ich sage bewusst „Stempel“. Behinderung, das ist eine gesellschaftliche Konstruktion. Das sind Barrieren, die wir Menschen in den Weg legen, in unserer Gesellschaft, vielleicht auch Sie in Ihren Initiativen? Nein, entschuldigen Sie, ich will Sie nicht in Frage stellen, ich weiß Sie leisten tolle Arbeit, für wenig (oder gar kein) Geld, mit viel Engagement. Aber wissen Sie: Inklusion will die Überwindung aller Barrieren, die Menschen von einer umfängliche Teilhabe an dieser Gesellschaft ausschließen. Egal ob Menschen mit oder ohne zugeschriebene Behinderungen. Die Teilhabe für alle? Das wollen Sie doch auch, das passt zu Ihnen. Sie haben das selbst gerade mitgeteilt, in Ihrem Film „Alle haben ihren Platz“ mit diesen vielen tollen Beispielen gelungener Praxis. Teilhabe, da haben Sie im PJW Erfahrung mit, da kennen Sie sich aus. Da wäre Inklusion als Markenzeichen doch perfekt für sie.
Aber bitte, wenn Sie sich jetzt entschließen, Inklusion zu kaufen, werfen sie die Integration bitte nicht gleich weg. Nutzen Sie die positiven Erfahrungen, die sie dort mit Vielfalt gewonnen haben. Inklusion wäre nichts ohne unsere integrativen Erfahrungen. Integration und Inklusion – sie sind keine Feinde.
Aus der vollkommenen Teilhabe für alle, die Inklusion will, ergibt sich schon der dritte Grund, warum Sie – ja genau Sie – unbedingt Inklusion kaufen sollten: nämlich...

...weil Inklusion so richtig gerecht ist.

Da dürfen Alle mitmachen. Bei Inklusion, da wird nicht sortiert: also du dahin in diese Schule, du lieber in die dort hinten – ja und dich, ja dich fahren wir gerne jeden Morgen und jeden Mittag eine Stunde durch die Gegend, damit du diese so nette Schule da hinten vor der Stadt am Wald besuchen kannst. Da ist es schön für dich, da wirst du gut gefördert und betreut, da bist du unter Deines Gleichen. Na und da kannst du auch die anderen nicht stören… Glaube mir, das ist das Beste für Dich – und für alle anderen. In der Kinder- und Jugendarbeit kennen wir das doch auch. „Ah, Sie suchen eine Gruppe für ihr behindertes Kind. Ja, na klar, da haben wir etwas. Die Initiative XY drei Orte weiter, die ist da total super…“.

Das finden Sie doch auch ungerecht oder? Das wollen Sie nicht, das machen sie doch besser. Also auf jeden Fall wollen Sie doch, dass in ihr Angebot wirklich jeder und jede gerne kommen kann. Sie wollen eine gerechte Welt. Na dann entscheiden Sie sich für Inklusion.
Und wo wir gerade dabei sind: Super Grund für den Kauf:

Inklusion macht das Leben so richtig schön bunt.

Dass Vielfalt und Unterschiede von Menschen „normal“ sind, Ressource und Stärke, das haben Sie doch in den Diversity-Debatten gelernt und sogar in Werbeplakaten verarbeitet. Und Sie selbst kennen das auch: immer wieder auf die gleichen Partys, Sitzungen und Empfänge mit immer den gleichen Menschen und Brötchen, da haben wir doch irgendwann alle keine Lust mehr drauf. Wie freuen wir uns, wenn mal etwas anders ist. Wie ist es doch bereichernd, wenn mitten im langweiligen Deutschunterricht, der Max anfängt zu krähen… wenn die Schnitzeljagd in der Kindergruppe mal ganz anders ist, weil die Celine die Kreidepfeile auf dem Boden nicht sehen kann… und beim Basketballspielen im Jugendtreff sind nicht immer dieselben die Besten, wenn der Karim mit seinem Rollstuhl mitspielt und wir die Regeln ändern oder die Lisa immer den Ball klaut, weil sie denkt, das sei das Spiel… Warum warnen Sie mit Ihrem Plakat vor dieser Vielfalt? Ich verstehe es nicht. Ihre Initiativen, sie sind selber so schön bunt, da würde Ihnen Inklusion als Gestaltungsprinzip so gut zu Gesichte stehen.

Da wären wir schon beim fünften guten Grund, warum Sie Inklusion kaufen sollten:

Von Inklusion können alle profitieren.

Wer von Ihnen hat sich denn noch nie gewünscht, dass Texte endlich so geschrieben sind, dass das Lesen Spaß macht (und ich Sie verstehe). „Leichte Sprache“ heißt das. Wer von Ihnen hat sich noch nie darüber geärgert, beim Einsteigen in den Zug den schweren Koffer diese blöden Stufen hinauftragen zu müssen? Gleich „Barrierefreiheit“. Ich kann hier aus Zeitgründen jetzt nicht alle Möglichkeiten ausführen. Aber ich möchte Ihnen noch zuflüstern, dass es sogar Menschen gibt, die behaupten, Inklusion „rechne“ sich auch. Gutachten soll es da geben. Dannenbeck & Dorrance (2011), die haben es nicht berechnet, die haben es formuliert: „Inklusion ist ein Weg, Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen in Interessen, Wissen, Fähigkeiten, familiären Hintergründen, Erstsprache, Begabungen oder Beeinträchtigungen zu Potentialen für gemeinsames Erleben und Lernen aller werden zu lassen.“
Und da wären wir auch schon beim letzten Punkt, warum sie Inklusion kaufen sollten – sie sind bestimmt schon überzeugt, aber der Punkt ist noch wichtig:

Inklusion ist ein Menschenrecht.

Nicht erst seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention. Und ehrlich, Menschenrechte und überhaupt rechtsstaatliche Regelungen, die muss man doch auch als Paritätisches Jugendwerk kaufen… Na, sie bekommen doch schon lange eine Förderung von diesem Staat, wenn auch schwer erkämpft. Da kann Ihnen das Recht ja nicht egal sein.
Beenden wir diesen Werbeblock.

Ich hoffe, ich habe Sie überzeugen können. Nein?

Ok, Sie sind kritische Käufer und Käuferinnen, ich verstehe. Und es ist ja richtig: Was Werbeleute immer vergessen, sind die „Fallstricke“ der Produktes. Nun wer etwas über „Widersacher von Inklusion und ihre Gegenreden“ lesen möchte – angefangen vom Philologenverband, über private Förderschulen bis zu den sogenannten Betroffenenverbänden, dem empfehle ich den gleichnamigen Artikel von Hans Wocken in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ (Wocken 2010). Ich möchte mich in der verbliebenen Zeit auf einige, nennen wir es positiv formuliert, Herausforderungen konzentrieren, die das Konzept Inklusion speziell für die Kinder- und Jugendarbeit mit sich bringt.

Herausforderung 1:
Inklusion ist eine Haltungsfrage, sie setzt bei mir an. Inklusion funktioniert nur, wenn die Haltung aller im System Betroffenen stimmt.
Das ist gar nicht so einfach, denn wir alle sind mit Exklusion und Separation aufgewachsen. Es ist in unserer Gesellschaft „normal“, Gruppen von Menschen auszuschließen oder gar „auszusortieren“. Mit diesen Erfahrungen erscheint uns oft Integration kaum vorstellbar und Inklusion schon gar nicht. Was ist meine Haltung? Wie ist die Haltung in unserem Team? Haben wir schon einmal im Team über Inklusion – und was Sie für uns bedeuten könnte – gesprochen? Das wäre ein Anfang…

Herausforderung 2:
Mit Inklusion wird Etikettenschwindel betrieben. Leider ist nicht immer Inklusion drin, wenn Inklusion drauf steht.
Aufgrund verkürzter, konzeptionell wenig durchdachter schulpolitischer „Umsetzungen“ ist Inklusion inzwischen oft ein negativ belegtes Wort ist. Den Begriff in unserem Handeln positiv zu besetzen, zu zeigen, was da geht und was vielleicht auch nicht oder noch nicht geht, ist unsere, Ihre Aufgabe (die nicht immer leicht ist).

Herausforderung 3:
Inklusion ist mit einem Dilemma verbunden.
Das Dilemma, dass auf der einen Seite nicht mehr einzelne Gruppen gebildet und auf ihre besonderen Merkmale und Problemlagen hin fokussiert werden sollen – auf der anderen Seite aber genau die Zugangsbarrieren überwunden werden sollen, die in Zusammenhang mit genau diesen Merkmalen stehen (Mogge-Grotjahn 2011). Dieses Dilemma ist kaum aufzulösen und fordert immer wieder Energie und Aufmerksamkeit.

Herausforderung 4:
Kinder- und Jugendarbeit arbeitet im Hinblick auf Inklusion im „Schatten von Schule“.
Kinder- und Jugendarbeit basiert auf Gleichaltrigen-Beziehungen, peer groups. Das bestätigen uns die wenigen Studien zur Kinder- und Jugendarbeit immer wieder (Fauser u.a. 2006).
Diese Beziehungen bilden sich an erster Stelle in der Schule – und hier dreht sich in unserem mehrgegliederten, separierenden Schulsystem der Kreis. Wahrscheinlich ist es dies, was den Titel des Vortrages am meisten in seiner Aussage bestätigt. Spätestens die Schule „sortiert“ die Kinder in „mit“ und „ohne“. Für die Freizeitgestaltung und die Orte an und die Gruppen in denen Freizeit verbracht wird, hat diese Sortierung immense Folgen. Die entstehende Trennung der Schul-, Alltags und Freizeitwelten zu überwinden, wird Kinder- und Jugendarbeit nur punktuell gelingen können. Auch deshalb ist unser politischer Kampf für die „Eine Schule für alle“ gefragt.

Herausforderung 5:
In der Kinder- und Jugendarbeit kann es keine verordnete „Zwangsinklusion“ geben.

Nein, hier muss (und soll) Inklusion wachsen. Kinder- und Jugendarbeit folgt der „spezifischen Eigenlogik von Jugendkultur“ (BJK 2013), so schreibt es das Bundesjugendkuratorium. Die Teilnahme und Mitwirkung ist freiwillig, „wir sind Milieuvereine“. Eine Öffnung kann nicht verordnet werden, in Initiativen wie bei Ihnen schon gar nicht. Es kann und wird in diesen selbstorganisierten Settings keine „Zwangsinklusion“ geben können (und wir sehen auch in der Schule, dass diese nur schwierig umzusetzen ist).

Und damit kommen wir wieder bei ersten Herausforderung an: der Haltung.
Inklusion ist eine Frage der Haltung, hier müssen wir ansetzen. Und trotzdem (und jetzt werde ich doch noch einmal ziemlich normativ): Ich finde Sie passen gut zur Inklusion. Das PJW ist schon auf dem Weg. Das haben die Filme gezeigt. Machen Sie weiter so. Schauen Sie sich die Inklusionsindizes an (Booth 2006, Montag Stiftung o.J.), da steht drin, was Sie brauchen auf dem Weg. Kinder- und Jugendarbeit hat einen Auftrag. Es darf nicht nur „Glück oder Zufall“ sein, ob „Kinder und Jugendliche mit… und ohne …“ zu Ihnen finden. Sie müssen sich alle willkommen wissen. Zugangsbarrieren zu finden ist der Schlüssel zum Erfolg – um sie zu überwinden.
Das geht nur, wenn Sie an die Orte gehen, wo Sie sehr verschiedene Kinder und Jugendliche finden. Auf der Homepage wirbt das PJW mit seinen „Gehstrukturen“. Also bitte, dann nutzen Sie diese. Fragen Sie sich einmal kritisch, wo gehen Sie hin? In die „Förderschule“? In die „Behinderteneinrichtung“? In das „Wohnheim für Asylsuchende“? In das Gymnasium? In die Hauptschule? Auf die Straße? Ich weiß, Sie sind schon an vielen Orten. Und dazu sei Ihnen am 30. Geburtstag gedankt und gratuliert! Aber wenn wir uns zum 40. Geburtstag wiedertreffen, dann ist Eure, ist Ihre, ist meine, ist unsere Welt hoffentlich ein ganzes Stückchen inklusiver geworden… und das Paritätische Jugendwerk NRW hat dann seinen Teil dazu beigetragen, da bin ich mir sicher. Mehr positive inklusive Erlebnisse zu ermöglichen, ist der Schlüssel für einen erfolgreichen Weg hin zu einer inklusiven Kinder- und Jugendarbeit.

Ihre Szene ist in Bewegung, so habe ich es auch auf Ihrer Homepage gelesen. Ja bitte, das lässt doch hoffen!!! ALLES GUTE Ihnen auf dem Weg! Danke!“

Literatur:
BMFSFJ (2009): 13. Kinder- und Jugendhilfebericht. Berlin.
 
Booth, Tony; Ainscow, Mel; Kingston, Denise (2006): Index für Inklusion (Tageseirichtungen für Kinder). Deutsche Übersetzung hg. von der GEW. Berlin
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Bundesjugendkuratorium (2013): Inklusion: Eine Herausforderung auch für die Kinder- und Jugendhilfe. Berlin
 
Dannenbeck, Clemens; Dorrance, Carmen: Kinder- und Jugendarbeit auf dem Weg der Inklusion In FORUM sozial (1), 21-23.
 
Fauser, Kathrin; Fischer, Arthur; Münchmeier, Richard (2006): Jugendliche als Akteure im Verband. Opladen.
 
Integ-Jugend (Hg.) (2008): Jugend und Behinderung. Berlin.
 
Mogge-Grotjahn, Hildegard (2011): Inklusion als gesellschaftliches Gestaltungsprinzip. Berlin.
Montag Stiftung (Hg.) (o.J.): Inklusion vor Ort. Der Kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Bonn.

Prengel, Annedore (2010): Inklusion in der Frühpädagogik. Bildungstheoretische, empirische und pädagogische Grundlagen. WIFF-Expertisen 5. München.

Voigts, Gunda (2012): Diversität und soziale Ungleichheit als wichtige Dimensionen auf dem Weg zu einem inklusiven Gestaltungsprinzip in der Kinder- und Jugendarbeit. In: Effinger, Herbert u.a. (Hg.): Diversität und Soziale Ungleichheit. Opladen, 215-227.
 
Voigts, Gunda (2013): Partizipation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der Kinder- und Jugendarbeit. Auf dem Weg zu einem inklusiven Gestaltungsprinzip. In: Teilhabe (1), 18-25.

 

 
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