Seite drucken   Sitemap   Mail an PJW NRW   Suchtipps   Hinweise zur Änderung der Schriftgröße  

INITIATIVEN IN DER JUGEND- UND KULTUR-ARBEIT: STILPLURALISMUS STATT AUFKLÄRUNG?

Diese Festrede (hier Auszüge) von Prof. Dr. Dieter Baacke war gespickt mit Video-Häppchen. Unsere Geburtstagsgäste werden sich an den entsprechenden Stellen erinnern; die Leser und Leserinnen, die nicht da sein konnten, haben genug Phantasie, sich entsprechende Filme im Kopf zu machen oder haben Pech gehabt:

Grafik aus dem Jubiläums-INFO

"Nach Goethe in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ sollen die Menschen nicht feiern, wenn sie ein Werk beginnen, sondern wenn sie es mit Erfolg vollendet haben. 10 Jahre Paritätisches Jugendwerk Nordrhein-Westfalen - in dieser Zeit ist viel passiert, wurde viel unternommen - aber eine Bilanz zu ziehen ist schwierig. „10 Jahre sind genug“, natürlich nicht, wohl aber, wie es im Motto heißt „10 Jahre sind genug Grund zum Feiern!“ - dass eine Strecke Weges gegangen ist, der Weg aber längst nicht zu Ende ist. Es geht allenfalls um eine Zwischenbilanz: Feiern erlauben, die Arbeit zu unterbrechen, sozusagen innezuhalten, um zwei Dinge zugleich zu tun: ein wenig zurückzuschauen, vor allem aber auch nach vorwärts zu blicken. Goethe hat also nicht recht: Feiern bezeichnen nicht nur einen Anfang oder ein Ende, sondern sie haben eine besondere Funktion im Zwischendurch, und dieses Zwischendurch ist für das Paritätische Jugendwerk der Zeitraum von 10 Jahren.
Zum Feste bringt man Geschenke mit. Meins ist bestellt: eine Rede. In ihr möchte ich fragen: „Was hat sich in den letzten 10 Jahren getan mit Kindern und Jugendlichen, wie sieht es mit ihren Lebensformen, Interessen und Bedürfnissen aus?“ Ich möchte nun die These vertreten, dass sich bestimmte Trends, die schon lange sichtbar waren, weiter verstärkt haben. Welche das sind, möchte ich kurz erläutern und zum Schluss sagen, was dies alles meiner Meinung nach für die Kulturarbeit der nächsten (sagen wir 10) Jahre bedeuten könnte. Die Leitfrage findet sich in der Überschrift meines Vortrags: „Stilpluralismus statt Aufklärung?“ Ich möchte dem Vortrag zwei Motti voranstellen, die aus Video-Ausschnitten bestehen. Auf diese Weise eröffnet sich nicht nur ein Raum der Anschauung, sondern auch der Vieldeutigkeit. Das erste Motto zeigt einen Life-Auftritt von Michael Jackson in Bukarest:

[Video 1: Michael Jackson-Auftritt]

Ein Motto soll für sich selbst sprechen. Ich glaube, dies ist deutlich genug: Die Erscheinung eines Pop-Mega-Stars, der in göttlicher Unnahbarkeit doch real wird, und dies: dass er tatsächlich leiblich da ist, treibt zur Ekstase, zum Außer-Sich-Sein, an den Rand des Gefühlswahnsinns. Noch die kleinste Geste wird zur Metapher für ein außergewöhnliches Ereignis, das die große Masse der Jugendlichen dennoch zu lauter Einzelnen macht: der Mega-Star ist es, der Blicke und Gefühle an sich bindet. - Das andere Motto stammt vom Video-Projekt „Jugendtreff Bergstraße in Wuppertal“, ein Spot(t) - in doppeldeutigem Sinne - über die Aids-Angst. Wir sehen Rammel-Szenen, Spaß an Sex, Ambivalenz gegenüber Kondomen: es ist eine Persiflage auf die offiziellen aus Kino und Fernsehen bekannten Aids-Spots:

[Video 2 Aids-Spot]

Das Produkt wurde an einem einzigen Abend (von 19 - 0.30 Uhr) realisiert. Wir sehen eine Persiflage auf die professionellen Aids-Spots wie wir sie aus Kino und Fernsehen kennen. Auch die Musik ist eine Provokation (der Text lautet „Be positive – don’t be negative“) in Bezug auf Aids, soll aber auch das Lebensgefühl der Gruppe (15 Jugendliche aus Italien, Deutschland, der Türkei und Jugoslawien) zeigen: Sie sind „gut drauf“. Dies Motto zeigt sozusagen eine gegenteilige Haltung: Der Megatrend „Aids Angst“ führt nicht zur Unterwerfung, sondern er fordert heraus zum Widerstand, in alternativer herausfordernder Gestaltung eines ernsten Themas. Unterwerfung oder Widerstand -beides ist möglich. Ein großes Pop-Konzert und eine Jugendgruppe, die einen Videofilm dreht, sind zwei Welten (also „Stilpluralismus“) die dennoch zusammenhängen. Aber Szenen und Erlebnisräume von Kindern und Jugendlichen lassen sich heute keinesfalls mehr auf einen einfachen Nenner bringen.
Damit bin ich schon mitten im Thema. In einem ersten Abschnitt frage ich:

Was hat sich in den Jugendkulturen, bei den Jugendlichen selbst eigentlich geändert?

Blicken wir kurz zurück, nicht im Zorn, sondern mit Neugier. Ich umgreife im Folgenden etwa die Zeit von 1967 bis jetzt, also etwa 25 Jahre. Ich meine, eine eindeutige Tendenz diagnostizieren zu können: eine starke Abkehr der Kinder und Jugendlichen vom Appell-Verhalten und eine immer stärkere Hinwendung zum Ausdrucks-Verhalten. Appell: der will die Welt bewegen, sich zu verändern, er ist Aufschrei, Anrede, Diskussion. Wer sich ausdrückt, hat hingegen mit sich selbst zu tun, will sich darstellen, ein Stück Selbstverwirklichung. Jugend ist also nicht nur eine gesellschaftlich arrangierte Übergangsphase zwischen Kind-Sein und Erwachsen-Sein, sondern ein Raum der Selbstgestaltung über wechselnde stilistische Attitüden, die ein jeweils verschiedenes Lebensgefühl ausdrücken.
...

Die neue Struktur ist die Verunsicherung. Niemand glaubt mehr an Diskussionen oder Streitgespräche. Der verbale Diskurs wird abgeschafft, nun arbeiten die Jugendlichen mit

  • Regelverletzungen (bei der Eröffnung der Universität Bielefeld im Mai sang der Evangelische Studentenchor Weihnachtslieder, natürlich unangekündigt)
  • spielerische Improvisationen (das Straßentheater wurde entdeckt)
  • Maskeraden (Demonstrationen waren manchmal von Karnevalsumzügen nicht zu unterscheiden)
  • Coolness und Eleganz (an die Stelle des Aufschreis trat der Gestus des Unbeteiligt-Seins).

Das jetzt geltende Modell ist der ethnologische Diskurs. Jugend entdeckt sich in ihrer Subjektivität und beansprucht ihre Freiräume. Der alte Gedanke der „Stämme“ (Indianer) wird aktualisiert. Die Kinder und Jugendlichen zeigen sich als eine spezifische neue Ethnie mit eigenen Regeln, narzisstischen Selbstdarstellungs-Orgien auf der Straße oder in den Diskos, überall dort also, wo Auffallen möglich ist, für sich und für andere.
...

Grafik aus dem Jubiläums-INFO

Die Struktur ist: Gelten lassen anderer und Ich-Zentrierung. Dieses Modell möchte ich den postmodernen Diskurs nennen. Er ist gekennzeichnet dadurch, dass er keine Verbindlichkeiten eingeht. Alle Ausdrucksmittel sind erlaubt, der Kommerz darf seine Faszinationskraft entfalten, die Lärmigkeit der Privatprogramme der Medien werden an- oder abgestellt, zum Videoclip durch Zappen und Teleflanieren vermengt. Natürlich gibt es weiter Werte und Grundhaltungen, aber sie sind da zum Ausprobieren, und es gibt keinen Konsens mehr, auf den sich berufen kann, der da ausruft: „Es ist alles supergut“.
Damit hin ich bei meinem 2. Teil. Wenn Jugend heute im offiziell-politischen Diskurs eher abseits steht, den Appell durch den Selbstausdruck ersetzt hat, müssen sich dahinter bestimmte Veränderungen verbergen. Ich will sie kurz benennen:

2. Jugendliche zwischen Individualisierung und Pluralisierung
...

Der viel benutzte Ausdruck „Lebenswelt “ meint genau dies: Menschen leben in historisch entstandenen, aktuell-wirksamen und geregelten sozialen Ordnungen, die ihnen zwar eigene Handlungen ermöglichen, aber gleichzeitig Regeln und Regularien, Konventionen und Traditionen anbieten, über die Verständigung und Verstehen, damit gemeinsames politisches, soziales und kulturelles Handeln laufen. Alle Kommunikationsbeziehungen sind, so verstanden, mittelbar, und noch der Weg vom Appell- zum Ausdrucksverhalten zeigt ja, dass Jugendliche immer wieder Übereinkünfte suchen, wie sich eine bestimmte Generation zu neuen Zeitereignissen stellt. Unmittelbar sind Kommunikationsbeziehungen immer dann, wenn kein Filter solcher lebensweltlichen Ordnungsvorstellungen mehr vorhanden oder wirksam ist. Wenn die These richtig ist - und vieles spricht für sie - dass Lebenswelten unverbindlich werden oder durch abstrakte soziale Regelungen ersetzt werden, die wir „Vergesellschaftung“ nennen, dann werden die unmittelbaren Einwirkungen umso stärker. Solche unmittelbaren Einwirkungsfaktoren sind Mode, Konsum und Medien, also die vom Kommerz dominierten oder ganz eroberten Szenen. Nicht nur meine Lederhose, auch meinen Konfirmationsanzug, ja meinen Anzug zur Doktorprüfung habe ich mit meiner Mutter zusammen ausgewählt, oder besser: Sie hat bestimmt, was ich zu tragen hätte, und ich habe dies hingenommen. Das ist heute schon für 10jährige Mädchen und Jungen undenkbar.
...

Es ist diese Individualisierung, die die viel beschworene Pluralisierung zur Folge hat. Pluralisierung meint: der Horizont ist offen und weit. Die Optionenvielfalt kaum noch überschaubar.
...

Aber wo sind die Kriterien der Auswahl, wer kann die vielen Möglichkeiten bezahlen, und vor allem: Könnte es nicht sein, dass eine einmal getroffene Entscheidung schnell bedauert werden muss, weil man vielleicht eine andere Option hätte treffen können?
...

Leben Kinder und Jugendliche nicht in einem Irrgarten von Stilpluralismen, in dessen verschlungene Wege keine Sonne der Aufklärung mehr hinein scheint, um deutlich zu machen, wo der richtige Ausweg ist?
Damit bin ich beim 3. Teil:

3. Was bedeutet diese Diagnose für Initiativen in der Jugend- und Kulturarbeit?

Eins der für mich am wenigsten vermeidbaren Leitworte ist heute das Wort „Ambivalenz“. Wir sehen heute bei den meisten Dingen - schärfer als früher - sozusagen auf die hintere, abgewandte Seite des Mondes. Individualisierung und Pluralisierung, die Lust am Selbstausdruck und der Selbstverwirklichung – eigentlich werden hier Postulate der historischen Aufklärung ein Stück weit eingelöst. Allerdings ist es wie bei einer besonders wirksamen Arznei: die Nebenwirkungen sind ebenfalls erheblich und müssen einkalkuliert werden. Dazu gehören (ich hatte schon darauf hingewiesen)

  • ein Hin- und Hertaumeln im Irrgarten der Wert- und Warenangebote;
  • eine wachsende Entscheidungsunfähigkeit angesichts vieler Optionen; - eine Spannung zwischen Gruppenbezug und Isolation, zwischen Szenen- und Cliquenbezogenheit und einer Selbstkonstruktion einer Person, die ich nur allein verantworten kann.

...

Kinder und Jugendliche sind Partner im Kulturprozess: Pädagogen können und dürfen nicht mehr vorab bestimmen, wohin der Weg gehen soll. Das ist eine Sache gemeinsamer Erfahrung, gemeinsamen Aushandelns und Erlebens. Wenn das so ist: Der Weg ins Offene muss gemeinsam riskiert werden und es muss auf diesem Wege immer wieder mit Überraschungen gerechnet werden. Dies bedeutet: Eine sich in festen Häusern und langfristigen Programmen einmauernde Kinder- und Jugendarbeit verfehlt die heutige Lage, erreicht ihre Adressaten nicht: Aufklärung heute läuft über Stil- Pluralismus, kommt zum Vorschein in Ambivalenzen und Widersprüchen. Sie ist keine „reine Lehre“ (Appell), sondern ein Denk- und Kommunikationsprozess (Ausdruck).
...

Meine Empfehlung ist einfach nach dem bisher Gesagten: Es sollte so weitermachen! Nicht zentrale Großprojekte, sondern bewegliche, einfallsreiche Modellprojekte, die Vernetzung kleiner und großer Ideen, die Schaffung von lebbaren Räumen, von Sommerstädten und Winterlagern, von Medien-Großereignissen und Spot(t)enden, Video-Clips: eine produktive Unübersichtlichkeit, in der sich doch keiner verirrt, das ist der Weg auf dem wir alle zusammen - ohne restaurativ zu sein - unsere lndividualismen und Pluralismen ausleben können, ohne in Egozentrik oder Isolation zu ersticken.

..."

Hier die komplette Rede als PDF-Datei:

 



 
top